„Typisch Wilhelmshaven“: BUND und Einzelhandel setzen Zeichen gegen die Plastikflut

Der neue Wilhelmshaven-Büdel soll nicht nur Einkäufe transportieren, sondern auch die Idee eines verantwortungsbewussten Lebensstils in der Stadt am Weltnaturerbe Wattenmeer.

Jede Minute werden in Deutschland 10.000 Plastiktüten verbraucht. Auch in Wilhelmshaven gehören Tüten zum Stadtbild, erst beim Einkauf, später oft in Grünflächen und Gewässern, wo sie zusammen mit „to-go“-Bechern, Flaschen und andern wild entsorgten Behältnissen einen hässlichen Eindruck hinterlassen und Tiere und Umwelt gefährden. Mit dem neuen „Wilhelmshaven-Büdel“ wollen der BUND (Bund für Umwelt und Naturschutz) und der hiesige Einzelhandel gemeinsam ein Zeichen setzen für ein plastikfreies Wilhelmshaven. „Der Büdel ist nicht nur eine tragbare Alternative zu Plastiktüten, er soll auch ein Statement sein für die Aufbruchstimmung hin zu einer zukunftsfähigen Stadt am Weltnaturerbe Wattenmeer“, so die Initiatorinnen.


Julia Griesbach, Inhaberin von „Speed & Cotton“, gibt schon seit 2 Jahren keine kostenlosen Tüten mehr an ihre Kundschaft heraus. Wer drauf besteht, bekommt eine – gegen eine Spende für das Wattenmeer Besucherzentrum. „Die meisten kommen ins Nachdenken, spenden was – und verzichten schließlich doch auf die Tüte“, erzählt die Einzelhändlerin. An der Kasse kam sie auch mit Imke Zwoch ins Plastik-Gespräch. Die Vorsitzende der BUND Kreisgruppe Wilhelmshaven ist seit vielen Jahren Stammkundin – und immer auf der Suche nach umweltfreundlichen Einkaufsmöglichkeiten in ihrer Heimatstadt. Auch Julia Griesbach, Vorstandsmitglied im City-Interessenverein (CIV), wollte über den eigenen Laden hinaus ökologisch etwas bewegen.
In vielen angeregten Gesprächen zwischen den beiden Frauen entwickelte sich der Entschluss, gemeinsam etwas Konkretes auf die Beine zu stellen, um vor Ort Zeichen gegen die Plastikmüllflut zu setzen. Vorstandsmitglieder des BUND und des CIV setzten sich an einen Tisch. „Wir waren uns einig, dass wir mit etwas ganz Einfachem anfangen, dem sich niemand aus Bequemlichkeit entziehen kann“, berichtet Imke Zwoch. So entstand die Idee für den Wilhelmshaven-Büdel. „Schon Anfang der 90er Jahre hat der City-Interessenverein einen Versuch mit Baumwolltaschen gestartet“, erinnert sich Julia Griesbach, „aber bis heute hat diese weitverbreitete langlebige Alternative die Plastiktüte nicht verdrängen können.“ Um erfolgreicher zu sein, sollte der neue Büdel also mehr sein als ein Transportmittel für Einkäufe, nämlich auch ein Statement, das identitätsstiftend hinter diesem und kommenden Projekten steht: „Wilhelmshaven liegt direkt am Weltnaturerbe Wattenmeer und in drei Jahren wird hier das Trilaterale Weltnaturerbe-Partnerzentrum eröffnet. Bis dahin sollten wir gut aufgestellt sein und zeigen, dass wir den UNESCO-Titel nicht nur tragen, sondern auch leben“, so die Initiatorinnen.


Gemeinsam mit der Grafikdesignerin Jenny Rosentreter wurde diesem Statement ein Gesicht und ein Slogan verliehen. Das Wilhelmshavener Urgestein Jonny Stuckas stand Modell als typisches Nordlicht, das dem Betrachter selbstbewusst und entschlossen von Taschen und Infokarten entgegenblickt. Der Slogan „typisch! Wilhelmshaven“ steht für einen positiven Imagewandel. „Typisch Wilhelmshaven hört man oft, wenn wieder etwas Unangenehmes passiert ist, von Kleinkriminalität bis hin zu illegaler Müllentsorgung in der Landschaft. Das ist natürlich Unfug“, so Imke Zwoch, „sowas passiert woanders auch. Dies wiederum ist kein Grund, alles zu relativieren oder schönzureden. Wir müssen das Übel beim Namen nennen und an der Wurzel packen.“ Ziel der Kampagne sei, „typisch Wilhelmshaven“ ins positive Gegenteil zu verkehren. „Wenn Gäste oder potenzielle Neubürger*innen oder die überregionalen Medien irgendwann feststellen: Hey, hier läuft niemand mit Plastiktüten oder Einwegbechern rum und nichts davon liegt am Straßenrand oder in Grünanlagen, dann ist das ein echtes Alleinstellungsmerkmal, das der Umwelt und dem Image unserer Stadt gleichermaßen zu Gute kommt“, erklärt Julia Griesbach.


Der Weg zu diesem ambitionierten Ziel beginnt mit einem einfachen Schritt. „Egal ob aus Naturfasern oder Kunststoff – wenn man eine Mehrwegtasche hundertmal verwendet, stimmt die Umweltbilanz“, so Griesbach. „Wir haben uns für Kunststofftaschen entschieden“, ergänzt Imke Zwoch. „Im Verhältnis zum Volumen haben sie zusammengefaltet ein bestechend kleines Packmaß, sie passen in jede Handtasche und jedes Herrenjackett, es gibt keine Ausrede dafür, sie nicht immer dabei zu haben.“
Zu jeder Tasche gibt es die Info-Karte mit dem „typisch! Wilhelmshaven“-Logo und einem erläuternden Text auf der Rückseite, überschrieben mit „Unser Dorf soll schöner werden“. „Mit dieser etwas provokanten Zeile wollen wir noch einmal unterstreichen, in welche Richtung der Imagewandel gehen könnte“, erklärt Jenny Rosentreter. „Wilhelmshaven ist keine Weltstadt, aber gemeinsam wollen wir zeigen, dass wir trotzdem kein muffiges Provinznest sind. Wir müssen uns nur mal trauen, gegen den Strom zu denken und ohne Wenn und Aber einfach auszuprobieren, was geht.“
Der Wilhelmshaven-Büdel ist seit Anfang der Woche in vielen Geschäften in der Innenstadt zu haben (zum Preis von 2,95 Euro) und findet bereits reißenden Absatz.

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